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Kultur und Anarchismus

Aus CONTRASTE Nr. 305 (Februar 2010, Schwerpunktthema, Seite 8)

Die Aufgabe der »Kultur« im neoanarchistischen Verständnis

Im Zentrum von emanzipatorisch-revolutionären Strömungen steht die Veränderung von politischen und sozialen Verhältnissen und Rahmenbedingungen, auf denen die Gesellschaft beruht. Die Gewichtung dessen unterscheidet sich dem Grad nach grob in marxistisch und anarchistisch inspirierten Strömungen. Die Kultur – im weitesten Sinne – hingegen spielt in den Überlegungen nur noch eine untergeordnete Rolle – auch im Anarchismus, der eigentlich traditionell ein kulturrevolutionäres Element beinhaltet und im Bereich der Kultur auch seine größten »Erfolge« zu verzeichnen hatte.

Von Maurice Schuhmann # Bei der Durchsicht der modernen Literatur über Anarchismus fällt auf, dass auch hier wenig und wenn auch nur oberflächlich das Konzept »Kultur« thematisiert wird. Wenn von anarchistischer Kultur die Rede ist, wird diese meist auf eine Kunstgattung und den Einfluss anarchistisch- agierender Aktivisten darin (z.B. Surrealismus), sub- und gegenkulturelle Strömungen (z.B. Punk) oder allgemein auf D.i.Y.-Kultur (»Do it yourself«) reduziert.

Nur selten wird – wie es in dem längst eingestellten Journal »Schwarzer Faden« geschah – der Versuch unternommen, die Aufgaben einer anarchistischen Kultur zu reflektieren – insofern es so etwas geben kann. Die zwei wesentlichen Beiträge, die zu dieser Thematik im »Schwarzen Faden« erschienen sind: »Wider die Vereinnahmung« von Wolfgang Haug und »Kultur – oder wat?« von W. H. Marith. Weiterhin sei noch auf den Beitrag von Herby Sachs in der Essaysammlung »Die Grenzen der Schatten« verwiesen. Die drei versuchten sich jeweils auf einer theoretischen Ebene dem Verhältnis zu nähern und es näher zu bestimmen. Für Wolfgang Haug muss sich ein anarchistisches Kulturverständnis am sozialen Zweck ausrichten (vgl. Haug 1985, S. 28). Diesen sozialen Zweck umreißt Haug mit den Worten: »‘Sozialer Zweck’ müsste heißen: u.a. eine anarchistische Herangehensweise an Leben, an Kunst, an Literatur, Film etc. deren Ziel es wäre, dass der Mensch sich selbst und seiner unmittelbaren Umgebung bewusster wird. Seine eigene Kreativität entwickelt und zu einem selbständigen Handeln fähig wird« (ebd., S. 29f.). Letztendlich wird damit die Kultur als Werkzeug der Selbstermächtigung des Individuums thematisiert.

Weiterhin betont Haug den Hang anarchistischer Kultur zur Kollektivität. »Es lässt sich nicht vorschreiben wie anarchistische Kultur auszusehen hat, es kann eine Kultur der Straße (Wandmalereien, Straßenmusik, Straßentheater, Feste etc.), eine Kultur des Zusammenlebens, der Kommunikation, des Zusammenarbeitens sein – gemeinsam ist allem die Tendenz zur Kollektivität und zur Freiheit von Unwissenheit, Aberglauben, Vereinnahmung und Warencharakter« (ebd., S. 31). In derselben Ausgabe vom »Schwarzen Faden« geht auch W. H. Marith der Frage nach einer anarchistischen Kultur nach. Ausgehend von der Bestimmung, »dass anarchistische Kultur ein Attentat auf die Selbstverständlichkeit der Welt ist« (S. 22), versucht er sich dieser Thematik zu nähern. Er kommt zu dem Schluss, dass anarchistische Kultur sowohl eine Kritik der bestehenden Kultur ist und auch – mit Wolfgang Haug konform gehend – eine Selbstermächtigung des Individuums.

Indirekt von Haugs Beitrag beeinflusst hat Herby Sachs einen Essay unter dem Titel »Die Grenzen der Schatten. Versuch einer anarchistischen Kulturkritik« im Sammelband »Anarchismus heute« beigesteuert. Bezüglich anarchistischer Kultur schreibt dieser: »Es lässt sich kaum an aktuellen Beispielen benennen was anarchistische Kultur bedeutet oder wie sie auszusehen hat. Ihre Ausdrucksform und Inhalte entstehen meist aus einem Zusammenspiel von Phantasie und einer Opposition gegen die herrschenden Zustände« (Sachs 1991, S. 119f.). Näher definiert er den Gegenstand »anarchistische Kultur« mit den Worten: »Anarchistische Kultur wächst aus einem Gegentrieb, einer Weigerung, die gegebene Welt hinzunehmen. Sie ist Teil der inneren und äußeren Unruhe menschlichen Lebens. Sie kämpft um die ’Rückeroberung’ des Lebens und der Ausdrucksmittel« (ebd., S. 123). In diesem Sinne fordert er, dass anarchistische Kultur als »sozialer und kultureller Unruheherd den Gedanken praktischer Verweigerung beinhalten« muss (ebd., S. 126). Die Thesen von Herby Sachs münden hingegen letztendlich auf die Einforderung einer authentischen Kultur, die der entfremdeten (Mainstream-)Kultur entgegengesetzt wird.

Von diesen drei Autoren wird anarchistische Kultur auf die Rahmenbedingungen und ihre Aufgabe als Gegenkultur fokussiert. Es wird eine Gegenkultur im Gegensatz zu einer nicht näher definierten »Mainstreamkultur« konstruiert, in dem der Prozess der Emanzipation und der Selbstermächtigung des Individuums vonstatten gehen soll. Eine potentielle Wechselwirkung zwischen diesen beiden Kulturebenen wird nicht in die Überlegungen einbezogen.

Anarchistische Kultur lässt sich diesen Überlegungen nach grob in zwei Aspekte untergliedern:

1. Anarchistische Kultur ist eine Kultur, die der Selbstermächtigung des Individuums dient.

2. Anarchistische Kultur ist eine immanente Kulturkritik des bestehenden Kulturverständnisses.

Der erste Punkt deckt sich mit dem klassischen, anarchistischen Verständnis. Anarchistische Kultur ist ein Schritt, sich von der gesellschaftlichen Entfremdung zu lösen und die eigene Individualität zum Vorschein zu bringen und zu leben. Ebenso dient sie der Reflexion der eigenen Situation, in der sich das konkrete Individuum befindet, und bildet somit den Ausgangspunkt eines bewussten Handelns.

Der zweite Punkt bedarf weitergehender Spezifizierung. Sicherlich ist der Anarchismus mit seiner Ablehnung einer monetären Verwertungslogik automatisch eine Kritik der bestehenden kapitalistischen Verhältnisse, aber er kann sich nicht mit einem Dasein als eine reine »Gegenkultur« begnügen. Gerade das Konzept einer Sub- oder Gegenkultur beinhaltet mit einem Regelsystem aus offenen und verdeckten Codes neue Exklusionsmechanismen und befördert eine avantgardistische Selbstwahrnehmung, die den Zielen einer befreiten Gesellschaft widerspricht. Der Raum einer Gegenkultur bietet zwar einen wichtigen Freiraum, um den unter Punkt 1 angesprochenen Prozess der Aufhebung von Entfremdung zu fördern und in Form einer kollektiven Basis zu stützen, aber gleichzeitig birgt die Fokussierung auf das Dasein als Gegenkultur auch die Gefahr einer Marginalisierung. Ebenso wichtig wie die Kritik der bestehenden Kultur ist der Versuch, mit einem offenen Vorleben von lebenswerten Alternativen einen Einfluss auszuüben sowie den Kontakt zur Gesellschaft zu suchen. Sie soll Alternativen aufzeigen und deren Reflexion ermöglichen.

Die hier lediglich grob umrissenen Ansätze der Bestimmung einer anarchistischen Kultur verdeutlichen die Bedeutung der Kultur als konstitutives Element einer (aktuellen) anarchistischen Philosophie. Gleichzeitig haben diese ersten Reflexionen eine Reihe von blinden Flecken aufgezeigt, die es gilt in Zukunft stärker in den Fokus einer anarchistisch-theoretischen Debatte zu rücken.

Literaturliste:

Haug, Wolfgang: Wider die Vereinnahmung, in: Schwarzer Faden. Vierteljahresschrift für Lust und Freiheit, Band 18, Trotzdem Verlag Grafenau 1985, S. 28-31.

Marith, W. H.: Kultur – oder wat?, in: Schwarzer Faden. Vierteljahresschrift für Lust und Freiheit, Band 18, Trotzdem Verlag Grafenau 1985, S. 21-27.

Sachs, Herby: Die Grenzen der Schatten. Versuch einer anarchistischen Kulturkritik, in: Degen, Hans-Jürgen (Hrsg.): Anarchismus heute. Positionen, Verlag Schwarzer Nachtschatten, Bösdorf 1991, S. 119-126.